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Portraits

«Diese kleinen Schritte bedeuten für mich Freiheit»

Liliane Waldner hat bereits einen grossen Teil der Schweizer Flüsse erwandert. Obschon sie heute aufgrund ihrer Krankheit Multiple Sklerose weniger als einen Kilometer pro Stunde schafft, denkt sie nicht ans Aufhören. Während einer Wanderung entlang der Goldach erzählt die DAS-WANDERN-Leserin ihre Geschichte.
10.07.2026 • Interview: Reto WissmannBilder: Raja Läubli
Seit 15 Jahren wandert Liliane Waldner trotz Multipler Sklerose den Schweizer Flüssen entlang. Autor Reto Wissmann begleitet sie der Goldach entlang.

Die Reise von Zürich nach Trogen mit Liliane Waldner ist eine kleine Geografiestunde: Wir sehen die Eulach der Bahnlinie entlang fliessen, überqueren die Thur und die Sitter und erfahren unter anderem, dass es auch in der Ostschweiz eine Glatt gibt. Die 74-Jährige kennt sich aus mit dem Schweizer Flussnetz und ist einen grossen Teil davon auch schon abgelaufen. Vor 15 Jahren hat sie sich zum Ziel gesetzt, alle Schweizer Flüsse zu erwandern und auf ihrer Webseite fluss-frau.ch zu dokumentieren.

Entstanden ist ihr Projekt aus einem Schicksalsschlag heraus. Liliane Waldner lebt seit bald 40 Jahren mit der Diagnose Multiple Sklerose (MS). Seit einem schweren Schub im Jahr 2010 ist sie in ihrer Bewegungsfreiheit immer stärker eingeschränkt. Doch die ehemalige SP-Politikerin und Bankrätin lässt sich nicht so einfach ausbremsen. Das Flussprojekt spornt sie an, sich fit zu halten, der Krankheit etwas entgegenzusetzen und die schönen Seiten des Lebens zu geniessen. Beharrlich versucht sie, ihrem Schicksal davonzulaufen.

An diesem Tag hat sich Liliane Waldner einen Abschnitt der Goldach vorgenommen. Dieses Flüsschen entspringt am Ruppenpass und fliesst durch Appenzell Ausserrhoden und St. Gallen dem Bodensee entgegen. Bei Trogen steigen wir aus dem Postauto und machen uns auf den Weg. Liliane Waldner stellt entschlossen einen Fuss vor den anderen. Wegen der für MS typischen Fussheberschwäche braucht sie dafür Wanderstöcke und viel Kraft in den Händen und Armen. Für Beobachter sieht ihr Gang äusserst anstrengend und mühsam aus. Doch Liliane Waldner empfindet das ganz anders.

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Für Beobachtende sieht Liliane Waldners Gang mühsam und anstrengend aus. Doch sie selbst empfindet das ganz anders.

Warum sind Sie so viel zu Fuss unterwegs?

Ich muss einfach laufen, es geht gar nicht anders. Zu Hause sitzen und Trübsal blasen ist gar nichts für mich. Selbst diese kleinen Schritte bedeuten für mich ein kostbares Stück Freiheit. Das will ich mir so lange wie möglich erhalten.

Hadern Sie manchmal mit Ihrem Schicksal?

Ohne MS wäre mein Leben auf jeden Fall anders verlaufen. Vielleicht hätte ich politisch noch weiter Karriere gemacht. Doch sicher hätte ich auch die Schweiz nicht so gut kennengelernt. Ist mein Schicksal nun positiv oder negativ? Ich denke, es ist beides. Man muss es nehmen, wie es ist.

Flüsse faszinieren Liliane Waldner vor allem wegen ihrer wirtschaftlichen und historischen Bedeutung für das Land, weniger wegen der Pflanzen und Tiere oder der schönen Landschaften. Für die studierte Ökonomin ist jeder Fluss ein lebendiges Geschichtsbuch. Am Wasser sind Mühlen, Handwerksbetriebe und Siedlungen entstanden, und auf dem Wasser wurden Waren und Personen transportiert. Es sind die Lebensadern des Landes, die es Liliane Waldner angetan haben. Dabei müssen es nicht immer die mächtige Aare oder der berühmte Rhein sein. Auch kleine Gewässer wie die Goldach erzählen ihre Geschichten. Für Liliane Waldner ist klar: Man lernt ein Land am besten kennen, wenn man den Flüssen entlanggeht. Auch unser Weg führt vorbei an ehemaligen Mühlen, abgelegenen Weilern und kleinen Stauwerken. Pausen braucht Liliane Waldner keine. Wenn sie mal in Bewegung ist, ist sie kaum noch aufzuhalten. Die Marschrichtung ist dabei stets dieselbe.

Warum gehen Sie immer flussaufwärts?

Einerseits kann ich von meiner eingeschränkten Motorik her einfach besser aufwärtsgehen. Auch am Bahnhof nehme ich hinauf die Treppe und hinunter den Lift. Andererseits gehe ich auch grundsätzlich lieber gegen den Strom und überwinde Hindernisse. Zudem reizt mich der Weg zum Ursprung, zur Quelle des Lebens. Auch muntere Fische schwimmen aufwärts, so kommt ihnen das Futter entgegen. Tote Fische hingegen liegen mit dem Bauch nach oben und werden abgetrieben.

«Ich muss einfach laufen, es geht gar nicht anders.»

Liliane Waldner
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Welches ist Ihr Lieblingsfluss?

Das ist wohl die Aare. Als ich vor Jahren durch die Auenlandschaft von Thun nach Bern gewandert bin, hat es mich gepackt. Die Aare ist für mich die Königin, die Grande Dame der Schweizer Flüsse. Eigentlich ist sie sogar bedeutender als der Rhein, da sie mehr Wasser führt. Als Zürcherin mag ich aber auch die Sihl, sie hat viel mehr Charakter als die Limmat, und sie wandelt sich stetig.

Für ein Foto setzt sich Liliane Waldner dann doch noch auf ein rotes Bänkli und stärkt sich mit Riegeln. Wir haben rund die Hälfte des Weges hinter uns. Höchstens einen Kilometer pro Stunde schafft sie noch. Möchte sie jemand im Auto mitnehmen, lehnt sie dankend ab. Nach einem Blick auf die Karte sagt sie schmunzelnd: «Ich habe heute einen guten Lauf – für meine Verhältnisse.» Dass sie jemand auf ihren Wanderungen begleitet, ist eher aussergewöhnlich.

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DAS WANDERN 5/2026

Aktuelle Ausgabe

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Gipfelgespräch entlang Goldach in Trogen

Warum sind Sie meist allein unterwegs?

Früher habe ich riesige Distanzen in hohem Tempo zurückgelegt. Ich bin zum Beispiel an einem Tag von Zürich nach Luzern oder nach Aarau gewandert. Da wollte niemand mitkommen. Heute bin ich so langsam, dass die Begleitpersonen frieren oder Angst haben, dass ich stürze. Daher will wieder kaum jemand mitkommen. Für mich ist das aber in Ordnung, ich bin gerne allein unterwegs – in meinem Tempo.

Trotzdem sind Sie für viele ein Vorbild.

Tatsächlich bekomme ich nach Medienberichten oder wegen meiner Website manchmal Reaktionen von Leuten, die bewundern, was ich tue. Es freut mich, wenn ich andere Menschen inspirieren und ihnen Mut machen kann, etwas zu tun, auch wenn es einem nicht gut geht.

Auf dem Ruppenpass, an der Grenze zwischen den beiden Appenzell und dem Kanton St. Gallen, ist das Ziel nach 3,2 Kilometern erreicht. Liliane Waldner kann eine weitere Etappe abhaken. Obschon sie bereits Tausende Kilometer den Schweizer Flüssen entlang gewandert ist, ist ihre Liste immer noch lang. Sie weiss aber: Alles wird nicht mehr möglich sein.

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Schneckentempo bekommt auf dieser Wanderung eine ganz neue Qualität.

Die ganz grossen Träume musste sie bereits abschreiben: Eine Wanderung dem Rhein entlang bis an die Nordsee wird sie nicht mehr schaffen. Dort wäre sie allen Grundsätzen zum Trotz tatsächlich flussabwärts gelaufen. Auch dem Nil entlang durch Uganda zu wandern, wird ein Traum bleiben. Das ostafrikanische Land, in dem ihr Vater einst geholfen hatte, den Diktator Idi Amin zu stürzen, sei wunderbar, schwärmt Liliane Waldner. Doch in ein Flugzeug steigt sie heute nicht mehr. Solange sie kann, wird sie jedoch ihre Wanderschuhe schnüren, den Rucksack packen und unterwegs sein – und dabei ihr kleines Stück Freiheit geniessen.

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Zur Person

Liliane Waldner (*1951) ist mit ihrer Mutter in Zürich aufgewachsen, hat Betriebsökonomie studiert und als rechte Hand der legendären Zürcher Stadträtin, Ständerätin und Frauenrechtlerin Emilie Lieberherr gearbeitet. Später sass sie selbst für die SP im Kantonsrat und wurde in den Bankrat der ZKB gewählt. Ihren Vater, den Freiheitskämpfer und kurzzeitigen Präsidenten von Uganda, Yusuf Lule, lernte sie erst im Alter von 31 Jahren kennen.

fluss-frau.ch

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