Weitwanderungen abseits der Klassiker
Die hier vorgestellten Routen sind eher unbekannt und nicht auf der Karte von Schweiz Mobil erfasst. Sie sind im Gelände nicht speziell markiert, aber verfügen über Websites mit nützlichen Informationen und GPX-Daten. Im Wanderland von Schweiz Mobil finden sich über 70 weitere Weitwanderrouten, die allesamt signalisiert sind.
Dieser Überblick erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Er soll als Inspiration dienen und eine Auswahl an lohnenswerten Routen aufführen.
Wahre Klassiker
Weitwanderrouten von Schweiz Mobil
Bekannt und beliebt sind die Weitwanderrouten von Schweiz Mobil, dem nationalen Netzwerk für Langsamverkehr in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein. Die Schweizer Wanderwege tragen mithilfe von Routenbegehungen zur Qualitätssicherung bei. Zudem sind sie Herausgeber der Routenführer der nationalen Routen, die im AT-Verlag erscheinen.
Nationale Routen: 7 lange, die Schweiz durchquerende Mehrtagestouren (16–43 Etappen)
Regionale Routen: 69 mittellange, gebietsbezogene Mehrtagesrouten (2–20 Etappen)
Schweizmobil.ch
Kulturwege Schweiz
Die Schweiz-Mobil-Routen decken sich zu einem grossen Teil mit den Mehrtagesrouten von Kulturwege Schweiz des Via-Storia-Fördervereins, der sich für die Erhaltung historischer Verkehrswege einsetzt. Die zwölf Hauptrouten führen auf historischen Wegen durch bedeutende Schweizer Kulturlandschaften. Sie heissen: Via Cook, Via Francigena, Via Gottardo, Via Jacobi, Via Jura, Via Rhenana, Via Romana, Via Salina, Via Sbrinz, Via Spluga, Via Stockalper, Via Valtellina. Auf der Website sind 24 weitere regionale und lokale Routen von Kulturwege Schweiz aufgeführt.
viastoria.ch7 nationale Routen und persönliche Erfahrungen
Via Alpina: der Klassiker
- Route: Vaduz (Gaflei, FL) – Montreux
- 390 km, 20 Etappen
- Die Via Alpina führt durch 7 Kantone und überquert 14 der schönsten Alpenpässe der Schweiz.
Man nehme die Via Alpina und füge ein paar persönliche Ziele dazu – so machte es Danny Kok im Sommer 2025. Statt in Vaduz startete er bei den Churfirsten und beendete den Weg nicht wie üblich in Montreux, sondern auf der Dufourspitze. Auch unterwegs passte er die Route immer wieder an: «Ich wollte nach einer Etappe nicht wieder ins Tal hinunterwandern. Deshalb blieb ich immer möglichst lange in den Bergen.» Die Nächte verbrachte Danny im Biwak oder in SAC-Hütten, «und wenn ich das Schnarchen der anderen satt hatte, auch mal im Hotel». Der gebürtige Niederländer zog vor vier Jahren in die Schweiz und entdeckte das Wandern durch einen Arbeitskollegen. «Mich begeistert generell alles, was mit Bergen zu tun hat – Gleitschirmfliegen, Trailrunning, Skitouren, Klettern oder eben Wandern.» Sportliche Träume aufschieben kennt der 26-jährige Physiotherapeut nicht: «Ich arbeite mit schwer kranken Menschen zusammen, darunter auch sehr junge. Das führt mir immer wieder vor Augen: Wenn nicht jetzt, wann dann?» Seine Abenteuer teilt der Sportbegeisterte auf Instagram. Zu seinen Höhepunkten der Via Alpina zählt er die Etappe von Altdorf nach Engelberg über den Surenenpass: «Ich hatte mich vorher nicht eingelesen und war komplett überrascht über die unfassbar schöne Landschaft.» Ungeschlagen bleibe jedoch die Besteigung der Dufourspitze am Ende der Weitwanderung. «Aber mir werden auch die kleinen Dinge bleiben. Wie etwa die Begegnungen in den Hütten. Zuerst ist man einander fremd, dann spielt man stundenlang gemeinsam Karten.»
Trans Swiss Trail: der Einsame
- Route: Porrentruy–Mendrisio
- 510 km, 32 Etappen
- Vom Jura durch das Emmental und das Entlebuch bis auf den Gotthard führt der Trans Swiss Trail schliesslich auf der Strada Alta ins Tessin
Lange Strecken schrecken Marco Ursprung nicht ab. Stolze 16-mal hat der pensionierte Abteilungsleiter einer Berufsmaturitätsschule bereits den 100-Kilometer-Lauf von Biel absolviert. Zum Weitwandern kam der Seeländer aber erst 2020, als er sich in den Herbstferien auf den Trans Swiss Trail begab: «Ich lief los, um den Kopf von der Arbeit zu lüften. Tatsächlich liess ich irgendwann den Alltag hinter mir. Nichts tun zu müssen, ausser den Wegweisern zu folgen, war sehr befreiend.» Für die ersten sechs Etappen von Porrentruy nach Neuenburg brauchte Ursprung nur drei Tage: «Ich habe jeweils zwei Etappen zusammengenommen.» Nach einem Jahr Pause lief er in acht Tagen von Neuenburg weiter nach Andermatt und beendete den Trail 2023 in Melide nach sechs Wandertagen. Trotz guter Ausdauer erlebte er unterwegs auch Durststrecken. So zog sich etwa der Abschnitt zwischen Murten und Bern unangenehm in die Länge, und die Regenschauer bei Sörenberg waren mühsam. Doch seine Erfahrungen als Langstreckenläufer halfen ihm, die Hürden zu überwinden: «Auf die Zähne beissen gehört dazu.» Seine Disziplin wurde belohnt: «Die Schweiz mit all ihren verschiedenen Regionen zu durchqueren, ist ein spezielles Gefühl. Ich finde es faszinierend, wie weit man zu Fuss kommt.» Als besonders schön sind ihm die Etappe dem Doubs entlang, der Abschnitt über dem Vierwaldstättersee sowie die Passage durch die Schöllenenschlucht in Erinnerung geblieben. Sein Fazit: «Ein empfehlenswerter und leichter Trail für alle, die gerne wandern.»
Alpenpanorama-Weg: der Aussichtsreiche
- Route: Rorschach–Genf
- 510 km, 29 Etappen
- Durch die Landschaften der Voralpen führend, verspricht der Alpenpanorama-Weg viel Aussicht auf die Alpengipfel, das Mittelland und den Jura.
«Eigentlich bin ich pensioniert», erzählt Carlotta Gergely über sich und gibt zu verstehen, dass der Begriff Ruhestand nicht wirklich auf sie zutrifft. Dies beweist sie auch mit ihrem aktuellen Wanderprojekt, dem Alpenpanorama-Weg von Rorschach nach Genf. Die Route mache ihrem Namen alle Ehre: «Obwohl man in den Bergen unterwegs ist, öffnet sich eine grosse Weite – vorausgesetzt, das Wetter stimmt.» Doch das Panorama wolle auch verdient werden: «Die Route ist teilweise anspruchsvoll mit sehr langen Etappen oder Aufstiegen von über 1100 Höhenmetern. Da muss ich manchmal umplanen und eine Etappe aufteilen.» Auch wenn sie einmal den Sessellift für den Abstieg nutzen musste, sagt sie hochmotiviert: «Abkürzen kommt für mich nicht infrage.» Selbst dann nicht, wenn ein Ort bereits bekannt ist: «Ich war eigentlich schon mal auf dem Risipass zwischen der Schwägalp und Stein. Doch diesmal lief ich, wie es die Route vorgibt, von der anderen Seite hoch und erlebte einen völlig neuen Blickwinkel auf den Säntis und das Toggenburg.» Seit der Pensionierung haben die ehemalige Informatikerin und ihr Mann Zeit, ihre Träume umzusetzen: Trekking auf den Kilimandscharo, den Jakobsweg und den Trans Swiss Trail können die Schwyzer bereits abhaken. Seitdem habe die Faszination des Weitwanderns das Paar gepackt: «Man kommt in Gegenden, die nur zu Fuss erreichbar sind. Regionen, die man zu kennen glaubt, erscheinen plötzlich von einer ganz neuen Seite. Ich bleibe oft stehen und denke: ‹Das kann doch gar nicht sein.›»
Via Jacobi: die Spirituelle
- Route: Rorschach/Konstanz (D) – Charrot (Grenze)
- 450 km, 33 Etappen
- Dem europäischen Jakobsweg folgend, führt die Via Jacobi vom Bodensee bis nach Genf, vorbei an zahlreichen Kirchen, Klöstern und Kapellen.
Die studierte Archäologin und Historikerin Sabine Bolliger hat die Via Jacobi bei der Inventarisation historischer Verkehrswege entdeckt und gibt ihr Wissen als Autorin weiter. «Kaum ein anderer Kulturweg erzählt die Geschichte einer so langen Zeitspanne von über 1000 Jahren.» Ihr Pilgerpass ist gefüllt mit bunten Stempeln aus Herbergen, Kirchen und Klöstern. «Manchmal wird der Pass von einem Mönch gestempelt – so ergeben sich Gespräche und Einblicke in das Klosterleben.» In Santiago de Compostela dient der Pilgerpass als Nachweis für die zurückgelegten Etappen auf dem Jakobsweg, und unterwegs gibt er Zugang zu Pilgerunterkünften. Sabine Bolliger übernachtete im Zelt, in Hotels, Pilgerherbergen und Klöstern und genoss deren besondere Gastfreundschaft. «Das Kloster Fischingen verfügt neben Schlafsälen über komfortable Zimmer und eine Brauerei. Nach achtstündiger Wanderung in brütender Hitze war das kühle Bier die ersehnte Belohnung.» Ein bewegender Moment war der Besuch der Klosterkirche Einsiedeln: «Jeweils um 17 Uhr singen die Mönche vor der Schwarzen Madonna das mehrstimmige ‹Salve Regina›.» Sabine Bolliger empfiehlt die Via Jacobi sowohl spirituell motivierten Menschen als auch Personen, die generell an Kultur, Geschichte und gutem Essen interessiert sind: «Wandernde erleben die Regionen der Schweiz zu Fuss, kommen an bedeutenden Denkmälern vorbei und können in den Klöstern Architektur und Kunst bestaunen, die nicht allgemein zugänglich ist», schwärmt die leidenschaftliche Pilgerin.
Jura-Höhenweg: der Sanfte
- Route: Dielsdorf–Nyon
- 320 km, 16 Etappen
- Über die Sprachgrenze hinweg führt der Jura-Höhenweg auf gelben Wanderwegen quer durch die Schweiz.
2022 wanderte die studierte Biologin Claudia Heer die 320 Kilometer des kompletten Jura-Höhenwegs in zwei Wochen. «Ich mag den Jura – er hat etwas Wildes. Gleichzeitig haben die Dörfer einen gewissen Charme. Die vielen Kreten bieten eine fantastische Weitsicht. Und ich konnte Gämsen beobachten – ein absoluter Höhepunkt.» Wer den Jura nicht kenne, verpasse etwas. Wer sich auf die Weitwanderung begeben möchte, sollte allerdings die Wasserversorgung gut planen. «Durch den Kalkstein versickert das Wasser schnell, und in den Dörfern gibt es häufig keine Brunnen – das ist etwas herausfordernd.» Schliesslich verrät die 52-Jährige noch ein, zwei Tipps abseits der Route: «Wer Zeit für einen Abstecher hat, sollte die Gletscherhöhlen im Val de Travers nicht verpassen oder den Jurabogen in Frankreich dranhängen.» Claudia Heer entdeckte vor sieben Jahren das Weitwandern für sich. Am liebsten wandere sie allein und mit dem Zelt: «Wem ich das erzähle, reagiert nicht selten mit Mitleid, dabei bin ich sehr gerne in der Natur für mich. Ich kann dabei in eine andere Welt eintauchen – nicht nur in die Umgebung, sondern auch innerlich.» Am Weitwandern fasziniere sie das Einfache: «Man beschränkt sich auf das Wesentliche und geht dabei Kompromisse ein. Als Beispiel: Ein einwandiges Zelt für eine Person kann zwar Kondensationswasser bilden, wiegt aber dafür nur 400 Gramm. Und ein T-Shirt zum Wechseln reicht.» So kommt Heer je nach Saison auf ein Basisgewicht von sieben bis acht Kilo, ohne Proviant.
Alpenpässeweg: der Anspruchsvolle
- Route: St. Moritz, Corviglia – St-Gingolph
- 695 km, 43 Etappen
- Der Alpenpässeweg führt mitten durch die Bündner und Walliser Alpen und eignet sich für Fans alpiner Landschaften.
Viviane Winter ist schon als Kind viel mit ihrer Familie gewandert. Während als Teenie das Interesse daran schwand, entdeckte sie es während der Pandemie wieder: «Plötzlich war Wandern super trendig – da hat es mich auch gepackt.» Winter machte zunächst die Via Alpina und empfand die Route als einfachen Einstieg ins Weitwandern. Nach dieser Erfahrung wollte die in Bern lebende Baslerin höher hinaus. So begab sie sich 2024 auf den Alpenpässeweg und absolvierte die ersten zwölf Etappen zwischen St. Moritz und Airolo. Ihr Zwischenfazit: «Die Abgelegenheit der Route erfordert eine bessere Planung als bei der Via Alpina. Zwar gibt es viele Berghütten, aber teilweise sind die Einkaufs- und Übernachtungsmöglichkeiten bescheiden.» So musste Winter etwa in Ausserferrera ohne Abendessen ins Bett, weil das einzige Gasthaus Wirtesonntag hatte. «Dasselbe passierte mir auch in Safien-Platz, doch zum Glück öffnete das Restaurant extra für mich.» Plötzliche Temperaturstürze, Regen und Schnee stellten weitere Herausforderungen dar: «Weil meine Ausrüstung zu wenig wetterfest war, habe ich in Vrin abgebrochen und die Etappen bis Airolo später nachgeholt. Für mich ist der Genuss wichtiger, als verbissen an einer Route festzuhalten.» Zu den bisherigen Höhepunkten zählt die 35-Jährige das Beverintal und das Safiental mit ihren Weitblicken und Wasserfällen. Für die restlichen Etappen hat sich Winter kein zeitliches Limit gesetzt. «Ich mache einfach in den Ferien häppchenweise weiter – sozusagen Weitwandern light.»
Via Gottardo: die Kulturelle
- Route: Basel–Chiasso
- 330 km, 20 Etappen
- Einer historischen Route aus dem 13. Jahrhundert folgend, führt die Via Gottardo durch vielfältige Siedlungen und Kulturlandschaften der Schweiz
Daniel Stotz nimmt die Schwachpunkte der Via Gottardo gleich vorweg: «Mehrere Etappen verlaufen nahe der Autobahn, das ist für Wandervögel etwas schade. Andererseits ist es auch amüsant, bei Stau an den stehenden Autos vorbeizulaufen.» Der pensionierte Fachhochschuldozent und Historiker wanderte 2023 die Via Gottardo ab, um danach einen Kulturlandschaftsführer darüber zu verfassen. «Einmal quer durch die Schweiz – zu Fuss von Nord nach Süd – ist ein faszinierendes Erlebnis. Landschaftlich war für mich die Piottino-Schlucht eine wunderschöne Entdeckung.» Dann kommt Stotz auf den Kern der Route zu sprechen, die Verkehrsgeschichte: «Die Route ist wie ein offenes Geschichtsbuch.» Damit meint er etwa den Saumpfad über den Gotthard, der seit Jahrhunderten begangen wird, oder den Gotthardtunnel als Pionierleistung. «Für Geschichtsinteressierte lohnt sich ein Besuch des Museo Nazionale del San Gottardo auf dem Pass. Generell ist die Stimmung dort einmalig: Motorradfahrer und Camperinnen brutzeln Würste auf dem Grill, nebenan steht das restaurierte Hospiz und drumherum thront die imposante Berglandschaft – ein Gesamtbild, das es nur da oben gibt.» Die Route liesse sich gut in mehrere Segmente aufteilen – so war Stotz jeweils zwei bis vier Tage am Stück unterwegs. Auf die Frage, ob das dann noch Weitwandern sei, antwortet der 67-Jährige: «Ich bin einfach weit gewandert – auch wenn ich die 330 Kilometer nicht am Stück gewandert bin.»