«Wie glücklich bin ich, dass ich im Walde, im Freien herumwandeln kann, unter Bäumen, Kräutern, Felsen», schrieb Ludwig van Beethoven 1810 in einem Brief. Wer selbst gerne wandert und frühmorgens im kühlen Tal auf eine lange Tour in die sonnigen Berge aufbricht, kennt dieses Gefühl – diese innere Freude, diese sprühende Lust und diese unbändige Energie.
Ganz wunderbar zu dieser inneren Stimmung beim Wanderstart in Unter Laret nahe Davos passt das Stück «Morgenstimmung» von Edvard Grieg (1843–1907). Der wohl bekannteste norwegische Komponist hat es als Teil der Peer-Gynt-Suiten geschrieben, in denen er ein gleichnamiges Bühnenstück seines Landsmannes Henrik Ibsen interpretiert. Grieg war ein Komponist der Spätromantik, und so soll seine Musik die Szenen des Ibsen-Stückes musikalisch umsetzen, eine Atmosphäre schaffen und bei den Zuhörenden passende Emotionen wecken.
Besonders eingängig gelingt ihm das im Teil «Morgenstimmung». Mit den im Stück einsetzenden Flöten und Oboen und den einfachen und klaren Melodien schafft es eine Leichtigkeit und lichte Weite, die zu einem beginnenden Tag voller Verheissungen passen. Das Stück entwickelt sich dann sanft und ohne grosses Drama zu einem vollen Orchesterklang weiter – stets mit eingängiger, volksliedhafter Melodik und klaren Harmonien.
Am idyllischen Bach …
Nach einer knappen Stunde verlässt der Wanderweg den Wald und führt an einer Brücke vorbei. Der Mönchalpbach zeigt sich während des Entlangwanderns mit mal tosenden, mal friedlich plätschernden Wassern. Meisterhaft hat Franz Liszt (1811–1886) dieses Thema in seinem Stück «Les jeux d’eaux à la Villa d’Este» umgesetzt. Liszt war ein wahres Wunderkind am Piano – mit sieben Jahren hat er sich das Notenschreiben selbst beigebracht, und mit neun gab er sein erstes eigenes Konzert vor dem versammelten hohen Adel im heutigen Bratislava.
Wie Griegs «Peer Gynt» gehört auch dieses Stück zur Spätromantik, ist aber gleichzeitig ein Vorläufer der impressionistischen Klangsprache. Liszt wollte die mannigfaltigen Bewegungen und Spiele des Wassers klanglich darstellen, und dazu setzte er virtuos verschiedene Stilmittel ein, etwa harmonisch fliessende Tonfolgen oder helle, schwebende Klänge, die wie Licht auf einer Wasseroberfläche schimmern.
Die Wasser des Mönchalpbaches stürzen über die Pischawand und fliessen dann gemächlich Richtung Unter Laret bei Davos.
… in der rauen Felslandschaft …
Mit jeder Stunde Aufstieg Richtung Pischahorn wird die Landschaft schroffer und karger, und der Blick gewinnt an Weite – eine Landschaft, wie man sie auch im hohen Norden in Schottland oder Skandinavien kennt. 1829 reiste der 20-jährige Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847) mit seinem Lehrer Carl Friedrich Zelter durch Schottland, und auf der Insel Staffa besuchten sie die mächtige Fingalshöhle an den Klippen des Atlantiks.
Karg und schroff gipfeln das Vordere Plattenhorn und der Piz Linard in die Höhe.
Das eindrückliche Erlebnis hat Mendelssohn zur Komposition seiner Hebriden-Ouvertüre inspiriert. Ganz im Sinne der Romantik setzte er alle Stilmittel ein, um die Wellen, die Brandung und das Echo in der Höhle erlebbar zu machen.
Mendelssohn reiste übrigens auch viermal in die Schweiz und bestieg dabei gerne Berge. Der Gesang der hiesigen Mädchen habe ihm und seiner Schwester Fanny aber weniger gefallen, «sie pfeifen wie Mäuse und singen Quinten, welche einem das Herz zerreissen», schreibt sie.
… und auf dem felsigen Gipfel
Nach etwa fünf Stunden Aufstieg und 1600 Metern Höhenunterschied ist der Gipfel des 2980 Meter hohen Pischahorns erreicht. Hier dürfte man eine rechte Portion Müdigkeit verspüren – gleichzeitig aber auch viel Freude über das Geleistete und über die tolle Rundumsicht. Arcangelo Corelli (1653–1713) hat dazu ein passendes Musikstück geschrieben, das Concerto grosso op. 6 Nr. 8. Es entstand in der Epoche des Barock, also etwa 150 Jahre vor den drei obigen Stücken.
Passend zu den zwei Emotionen Müdigkeit und Freude wechseln sich im Concerto langsame, eher leise und getragene Sätze und Abschnitte mit feierlichen, lauteren Teilen. Corelli hatte sehr hohe Ansprüche an sich selbst, und liess nur aufführen, wenn ein Stück für ihn absolut perfekt war.
Zarter Augenblick am Abend
Nach einem langen Abstieg senkt sich allmählich die Nacht über die Berge und Hochtäler um das Berghaus Vereina, und einige Gäste sitzen noch draussen auf der Terrasse. Es ist still, und langsam geht der Mond über den dunklen Silhouetten der Berge auf. «Clair de Lune» (Mondlicht) ist ein Klavierstück von Claude Debussy (1862–1918).
Das Mondlicht ist weg, leicht kündigt sich der Tag beim Berghaus Vereina an.
Damit geht die Musikreise wieder 200 Jahre vorwärts – Debussy war einer der bedeutendsten Komponisten des Impressionismus, der zwischen der Spätromantik und der Moderne steht. In seinen Stücken geht es ihm darum, die Atmosphäre eines Ortes und die dazu passenden inneren Stimmungen klanglich zu malen. Im Stück «Clair de Lune» deuten die weichen Melodien und die leise Dynamik einen träumerischen und zarten Augenblick an – so wie das Mondlicht ganz sanft die Wiesen und Weiden erhellen lässt.
Eine Sinfonie für einen ganzen Tag
Der zweite Wandertag, hoch zum Vereinapass und hinab ins Unterengadin, bringt viel ursprüngliche Natur mit weiten Tälern und einer kargen Passlandschaft. Hier hätte sich Ludwig van Beethoven (1770–1827) sicher wohlgefühlt. Denn trotz seiner grossen Erfolge litt er oft im Leben – unter Einsamkeit, Darmschmerzen und dem Gehörverlust – und erholte sich gerne auf dem Lande. Eine Ode an diese Kraft der Natur ist seine 6. Sinfonie, die Pastorale (die Ländliche). Einige der fünf Sätze passen wunderbar zur Wanderung des zweiten Tages: der erste Satz (Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande) zur Freude beim Aufbruch, der zweite Satz (Szene am Bach) zum Abschnitt dem Süser Bach entlang, und im letzten Satz geht es um dankbare Gefühle, passend zum Ende der Wanderung.
Das grosse Finale
Nach fast 1200 Metern Abstieg ist Lavin erreicht. Da dürfte eine gewisse Schwere in den Beinen stecken, aber auch Stolz über das Geschaffte – und vor allem viel Freude über die Erlebnisse der beiden vergangenen Tage. Dazu passt ein Stück voller beschwingter und leichter Energie: die 1. Sinfonie von Sergei Sergejewitsch Prokofiew (1891–1953).
Den jungen Sergei darf man wohl ebenfalls als Wunderkind bezeichnen, jedenfalls schrieb er im Alter von fünf Jahren seine ersten Kompositionen, und mit 13 ging er für zehn Jahre ins St. Petersburger Konservatorium. Seine 1. Sinfonie, die 1916 entstand, ist mit ihren eigenwilligen Rhythmen, scharfen Dissonanzen und ihrer vitalen Kraft typisch für diese Schaffensperiode. Das Stück gehört zwar zur Moderne, greift aber oft auf klassische Elemente zurück – kurz: traditionsverbunden, aber spielerisch weiterentwickelt.
Der Blick zurück
Keine gelungene Aufführung ohne Zugabe. Und das ist hier die «Alpensinfonie» des deutschen Komponisten Richard Strauss (1864–1949). Im fast einstündigen Stück beschreibt die Sinfonie eine komplette Bergwanderung, von der Morgendämmerung über Gletscherpassagen und Sturm bis zum Ende des Tages.
Es ist das perfekte Werk, um an einem regnerischen Sonntag in den Sessel zu sinken und eine musikalische Wanderung durch die Berge zu unternehmen – und dabei Erinnerungen aufleben zu lassen, vom Pischahorn oder vom Vereinapass.
Vom Pischahorn ins Unterengadin in zwei Tagen
Das Pischahorn erhebt sich mehr als 1300 Meter über den Vereinatunnel und liegt etwa in der Mitte zwischen dem Weissfluhjoch und dem Piz Buin. Es verpasst zwar die 3000er-Marke knapp, bietet mit seiner freien Lage aber eine atemberaubende Rundsicht über die Gipfel um Davos und das Unterengadin. Und an Tagen mit klarer Sicht sind sogar der Ortler (3905 m) und der Piz Bernina (4048 m) im Süden und Südwesten auszumachen. Der Aufstieg von Davos Laret durch das Mönchalptal ist mit fast 1600 Höhenmetern recht anstrengend. Da lohnt sich ein früher Start, und hilfreich ist zudem, dass es kontinuierlich und fast durchgehend sanft bergauf geht. Auf etwa 2500 Metern liegt ein paar Hundert Meter rechts des Weges der herzförmige, türkis leuchtende Pischasee. Der Aufstieg ist durchgehend weiss-rot-weiss markiert; auf dem Gipfelgrat führt ein kurzer Abschnitt über einen ausgehauenen Weg in einer steilen Felswand, er ist aber bestens mit einem Halteseil gesichert. Vom Hafentälligletscher in den Nordhängen des Pischahorns ist in der Zwischenzeit leider nichts mehr zu sehen. Der Abstieg nach Säss und Vereina führt über unschwieriges Geröll, Felsplatten und schliesslich über Alpweiden. Das Berghaus Vereina sitzt wunderschön auf einer kleinen Schulter beim Zusammentreffen des Vereina-, des Vernela- und des Süser Tals. Der zweite Tag bringt nur noch einen Aufstieg von 650 Metern hoch zum Vereinapass mit sich. Besonders eindrücklich ist die karge Felslandschaft auf dem Pass, und in zwei kristallklaren Seen spiegelt sich die mächtige Pyramide des 3410 Meter hohen Piz Linard, des höchsten Berges des Unterengadins. Der Abstieg durch das Val Sagliains führt im oberen Teil durch felsdurchsetzte Alpweiden; weiter unten ist der Weg oft rumplig und uneben, sodass man nicht wie gewohnt vorwärtskommt. Vorbei an der Umsteigestation Sagliains (kein Zugang für Wandernde) geht es schliesslich zum Bahnhof in Lavin.